Inspiration

Frische Waren und ein frischer Start

Porträt von Angel Adelaja. Ihre Farmen in Nigeria liefern aus stapelbaren Containern Frischwaren und kurbeln die örtliche Wirtschaft an.

Warum ist Nigeria mit seinen 85 Millionen Hektar an brachliegender landwirtschaftlicher Fläche ein Nettoimporteur von Nahrungsmitteln? Die nigerianische Unternehmerin Angel Adelaja hat sich vorgenommen, dieses Problem anzugehen und mit moderner Technologie frische Produkte anzubauen.

Der Weltbank zufolge hat Nigeria 2014 Gemüseerzeugnisse in einem Wert von rund 3,4 Milliarden $ importiert und für nur etwa 760 Millionen $ exportiert. Dabei verfügt das Land über eine große unbewirtschaftete, landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Bei 186 Millionen Einwohnern und einem Bevölkerungswachstum von 2,6 Prozent pro Jahr sind innovative landwirtschaftliche Konzepte nötig, um die Nahrungsmittelsicherheit zu verbessern.

Angel Adelaja hält einen frisch geernteten Bio-Kopfsalat in der Hand.

Dieses Ziel verfolgt Fresh Direct, ein Start-up, das von der nigerianischen Unternehmerin Angel Adelaja gegründet wurde. Sie will ihrem Land dabei helfen, den Ernteertrag durch die Einführung moderner Technologien zu verbessern und so die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten zu verringern. Fresh Direct nutzt ein Hydro-kultursystem in modifizierten Frachtcontainern, um landwirtschaftliche Erzeugnisse anzubauen. Die Ausbeute an Gemüse eines 6-Meter-Containers entspricht der einer Fläche von rund 6.000 Quadratmetern. Wenn die Container übereinander gestapelt wer- den, steigt der Ertrag des landwirtschaftlichen Betriebs je Quadratmeter deutlich. Die Pflanzen werden unter Beleuchtung ohne Erde angebaut. Stattdessen schwimmen sie in nährstoffreichem Wasser und werden mit Tropfwasser versorgt. Durch diese Methode können sie rund um die Uhr wachsen.

Das Team von Fresh Direct: Können, Erfahrung, Selbstbehauptung

Fresh Direct ermöglicht es, Kompetenzen zu erwerben und Erfahrungen zu sammeln. Solomon, Mercy und Salome sprechen darüber, wie sie durch die Arbeit für das Unternehmen profitiert haben.

Mitarbeiter von Fresh Direct: Salome Salime Umoru, Solomon Tyopev, Mercy Nanret Da’ar (von links nach rechts)

Salome Salime Umoru, 24, hat im Dezember 2016 begonnen, auf der Farm zu arbeiten. „Ich wusste vorher überhaupt nichts über Hydrokultur. Ich habe bei einem Friseur als Putzfrau gearbeitet. Jetzt verdiene ich mit jedem Monat mehr und bin für meine Zukunft zuversichtlicher“, stellt sie fest.

Solomon Tyopev, 25, kümmert sich um die Tiere – Hühner, Welse und Buntbarsche – und liefert aus. Er arbeitet seit einem Jahr auf der Farm. „Ich habe früher in einer Bar gearbeitet. Bevor ich zu Fresh Direct gekommen bin, hatte ich keine Ahnung von Landwirtschaft. Jetzt fühle ich mich sicherer“, sagt er.

Mercy Nanret Da’ar, 23, arbeitet ebenfalls seit einem Jahr bei Fresh Direct. „Vorher war ich arbeitslos. Die Arbeit hat mich interessiert, weil man in einem Unternehmen wie diesem viel Erfahrung sammeln kann“, erklärt sie. „Die Landwirtschaft ist als Gewerbe sehr wichtig. Es sollte mehr Farmen wie diese geben.“

Schnelles Wachstum

Fresh Direct kann nach eigenen Angaben einen zehnmal höheren Ertrag erzielen als traditionelle landwirtschaftliche Betriebe – auf einem Fünfzehntel der Fläche und mit einem Bruchteil des Wasserbedarfs. Das Unternehmen verfügt mittlerweile über vier Container an zwei Standorten in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Sechs weitere sind geplant, ebenso wie eine Lagerhalle in Lagos. In jedem beliebigen Monat liefert jeder Container etwa 3.000 Stück Gemüse. Und das 2015 gegründete Unternehmen verdient inzwischen genug Geld, um zu investieren und zu expandieren.

„Es ist keine Wunderwaffe“, sagt Adelaja. „Die von uns erzeugten Mengen sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Wichtig ist die Synergie zwischen traditionellen Bauernhöfen, die den Großteil des Obstes und Gemüses liefern, und unseren Containerfarmen, die sich auf Anbaupflanzen konzentrieren, die hauptsächlich importiert werden.“

Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden an Standorten in der Nähe der Kunden angebaut, sodass sie bei Lieferung frisch sind.

Um nicht mit örtlichen Bauern in Wettbewerb zu treten, liegt der Fokus von Fresh Direct auf Gemüsesorten, die gegenwärtig nicht vor Ort angebaut werden und importiert werden müssen, etwa Kopfsalat und Grünkohl der Sorte „Blue Dwarf“. Um die Container herum bleibt genug Land, um außerdem Fische, Hühner und Ziegen zu züchten.

Jede Pflanze wird sorgfältig tropfenweise mit Wasser versorgt.

„Wir haben zwei große Kunden, die das meiste kaufen, was wir produzieren. Darüber hinaus haben wir noch ein bisschen für unsere anderen Kunden übrig“, erläutert Adelaja. „Wir passen uns an, um der Nachfrage gerecht zu werden. Unser Markt ist dort, wo Menschen an gesunder Ernährung interessiert sind. Das ist in Lagos, Port Harcourt, Abuja, Kaduna und Kano der Fall.“ Der Anbau landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Stadtnähe bedeutet, dass Fresh Direct keine Probleme mit schlechter Transportinfrastruktur sowie hohen Treibstoffkosten hat. Es geht jedoch nicht nur um den Ertrag, sondern auch um die Menschen. Die Angestellten von Fresh Direct sind vor allem junge Leute aus der Gegend, die von Schulungen und überdurchschnittlich hohen Gehältern profitieren. Adelaja bürgt auch für sie, um ihnen dabei zu helfen, ein Bankkonto und Zugang zum restlichen Finanzsystem zu erhalten.

21%
der nigerianischen Wirtschaft macht das Agrarwesen aus. Es bietet die meisten Arbeitsplätze.

Vor der Gründung von Fresh Direct arbeitete Adelaja bei der nationalen Koordinierungsstelle für das Programm des nigerianischen Präsidenten zur Bekämpfung der Armut. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Nigeria bei 7,8 Prozent. Die Regierung hat Initiativen wie Mikrokredite und den bedingungsgebundenen Bargeldtransfer ins Leben gerufen. Adelaja hatte allerdings das Gefühl, dass mehr getan werden könnte, um die Leute aus der Armut zu holen. Also suchte sie nach Wegen, um die örtliche Wirtschaft direkt anzukurbeln.

Landwirtschaft als Gewerbe ist wichtig. Es sollte mehr Farmen wie diese geben.“

Salome Salime Umoru

Salome Salime Umoru

Landwirtschaftliche Mitarbeiterin bei Fresh Direct, Abuja/Nigeria

Das Agrarwesen macht 21 Prozent der nigerianischen Wirtschaft aus und bietet die meisten Arbeitsplätze. Daher erschien es ideal, diesen Sektor ins Auge zu fassen. Doch Adelaja begriff schnell, dass sich traditionelle Anbauverfahren von Kleinbauern nicht effizient auf einen größeren Maßstab übertragen lassen. Zudem war auch die schlechte ländliche Infrastruktur ein Problem. Nach ersten Recherchen beschloss sie, es mit Hydrokulturen zu versuchen. Die Idee, Frachtcontainer zu verwenden, kam ihr bei der Besichtigung einer Baufirma. Sie und ihr Partner begannen dann, einen Prototyp in ihrem Hinterhof zu bauen.

3 Fragen an Angel Adelaja

Frage 1: Traditionelle Landwirtschaft war nichts für Angel Adelaja, Nigeria.
Frage 2: Das ist Landwirtschaft für umweltbewusste Menschen.
Frage 3: „Meine ersten Lehrer waren Google und YouTube.“

Etwas bewegen

„Wenn man wohlmeinende politische Programme nicht in die Tat umsetzen und keinen Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen kann, dann hat es keinen Sinn. Mit Fresh Direct habe ich das Gefühl, dass ich auf das Leben der Leute einwirke. Ich schaffe Arbeitsplätze und Chancen“, meint sie. „Die meisten jungen Leute, die für Fresh Direct arbeiten, hatten keinerlei landwirtschaftliche Erfahrung. Sie arbeiteten als Haushaltshilfen oder Hausmeister. Wir möchten jeden, der sich uns anschließt, bestärken.“

Ich habe das Gefühl, dass ich auf das Leben der Leute einwirke. Ich schaffe Arbeitsplätze und Chancen.“

Angel Adelaja

Gründerin von Fresh Direct, Abuja/Nigeria

Der Erfolg von Fresh Direct hat die Aufmerksamkeit von Entwicklungsorganisationen geweckt. 2017 hat Adelaja die Auszeichnung des Weltwirtschaftsforums als „bahnbrechende Unternehmerin im Technologiebereich“ gewonnen.

„Wir haben sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, und das war sehr hilfreich. Uns haben Leute aus dem Senegal, Äthiopien und anderen Orten kontaktiert, weil sie uns kopieren wollen. Jetzt denken wir darüber nach, wie man ein Franchise-Modell schaffen könnte“, sagt sie. Es ist geplant, in Nigeria zu expandieren und dann den Markt an Orten wie Dakar im Senegal und Accra in Ghana zu testen. „Längerfristig sehe ich Fresh Direct in ganz Westafrika und sogar in Ostafrika“, so Adelaja. „Ich stelle mir ein System vor, bei dem die Menschen Arbeitgeber und Unternehmer sind. Ich möchte Erfolgsgeschichten – ich möchte das erreichen, was die Regierung nicht schafft.“

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