Reportage

Stille in der Stadt

Wie es sich anfühlt, einen Ort tiefster Stille im Herzen New Yorks zu besuchen.

New York City ist eine der pulsierendsten, aber auch der lautesten Städte der Welt. Mitten in ihrem Herzen, im Guggenheim-Museum, hat der Künstler Doug Wheeler einen Ort tiefer Stille geschaffen. Wir haben ihn besucht.

Wie fühlt es sich an, die Straßen von New York City hinter sich zu lassen und einen Ort zu betreten, an dem es so ruhig ist, dass man seinen Herzschlag hören kann? Die Installation des Künstlers Doug Wheeler, „PSAD Synthetic Desert III“, die 1971 erdacht, aber erst kürzlich im New Yorker Solomon R. Guggenheim-Museum erstmals umgesetzt wurde, bringt die Besucher vom Getöse der Stadt an einen Ort tiefer Stille.

Das Werk wurde so konzipiert, dass es Klang, Licht und Raum in einer „halb echofreien Kammer“ beeinflusst. Es unterdrückte bis auf ganz leise Hintergrundgeräusche jeden Laut. Wheeler verglich den visuellen und akustischen Eindruck von „Synthetic Desert“ mit seiner eigenen Erfahrung in den Wüsten Nordarizonas in den USA, wo die fast völlige Stille das visuelle Entfernungsempfinden grundlegend beeinflusst. Das, was wir unter Stille verstehen, misst 30 Dezibel. „PSAD Synthetic Desert III“ brachte es auf 5 bis 10 Dezibel – so leise, dass die Besucher ihren eigenen Herzschlag hören konnten. Was war das für eine Erfahrung?

Um zu der Installation zu gelangen, mussten wir die oberste Etage des spiralförmig ansteigenden Guggenheim-Museums erklimmen. An einem unauffälligen Eingang warteten wir, bis wir an der Reihe waren. In der kleinen Nische war eine friedliche, ja beinahe ehrfürchtige Stimmung zu spüren. Ein Museumswärter erklärte uns dann die Regeln: keine elektronischen Geräte, möglichst wenig Bewegungen und kein Sprechen oder Flüstern. In Gruppen von jeweils nur fünf Leuten wurden wir durch eine Reihe von Schallschutzvorräumen geführt, die das Museum vom Installationsort trennten.

Vom geschäftigen Treiben der Stadt in die Stille der Wüste

Der Raum selbst war groß und durch verdeckte Neonröhren dezent beleuchtet. Eine Aussichtsplattform erstreckte sich von einem mit Teppichboden ausgelegten Laufsteg aus an der hinteren Wand entlang. So entstand der Eindruck, auf einem hohen Felsvorsprung oder an der Öffnung einer Höhle zu stehen und in die Ferne zu schauen. Die helle Decke war gewölbt, ohne Ecken und Kanten, was an einen weiten Himmel erinnerte. Hunderte von Pyramiden und Keilen aus Basotect® – einem schallabsorbierenden Melaminharz-Schaumstoff von BASF – bedeckten den Boden, die Rückwand und Teile der Seiten und der Decke. Die Installation machte sich nicht nur die schallabsorbierenden Eigenschaften von Basotect zunutze, sondern auch dessen Vielseitigkeit. „Basotect kann in jede Form gebracht, in jeder Farbe lackiert und sogar in bestimmte Textilien eingewickelt werden, um unterschiedliche Strukturen zu schaffen. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind damit praktisch unbegrenzt“, erläutert Doyle Robertson, Basotect--Vertriebsmanager für BASF in Nordamerika.

Die Welt wird lauter und geschäftiger, deshalb ist es wichtig, ruhigere Orte zu schaffen.”

Jörg Hutmacher

CEO, pinta acoustic, Minneapolis/USA

Durch das Zusammenspiel zwischen Beleuchtung und der Geometrie der Pyramiden schaffte „PSAD Synthetic Desert III“ aufsehenerregende negative Räume und Schatten, die an Bäume und Berge oder sogar an Menschen in einer Menge erinnern. Die Winkel waren einheitlich und perfekt. Es fühlte sich an wie ein weiter offener Raum und nicht wie ein mittelgroßes Zimmer in einem Gebäude in New York City.

Orte der Stille

Selbst in der lauten Welt von heute gibt es noch Orte, die echten Frieden und Ruhe bieten.

  • 1

    Eisriesenwelt bei Salzburg/Österreich

    Dieses Eislabyrinth von mehr als 40 Kilometern Länge ist wahrscheinlich die größte Eishöhle der Welt. In der unheimlichen Stille und Dunkelheit wirken dramatische Eisformationen wie riesige Wesen.

  • 2

    Makgadikgadi-Pfannen-Nationalpark, Botswana

    Die trockene Savanne der Kalahari umgibt dieses Wildreservat. Auf einer der größten Salztonebenen ist der Wind das einzige Geräusch, das man während der Trockenzeit hört.

  • 3

    Dhamma Giri – Vipassana International Academy, Igatpuri/Indien

    Alle Schüler in diesem Meditationszentrum bewahren das „edle Schweigen“ – eine Stille des Körpers, der Sprache und des Geistes. Die Vipassana-Meditationstechnik ist über 2.500 Jahre alt.

Einmal im Inneren angekommen, war anfangs noch das gedämpfte Geräusch von Schuhen auf Teppichboden zu vernehmen. Die Mitglieder der kleinen Gruppe verteilten sich und setzten sich schnell hin. Dann war es still. Die einzigen Geräusche waren unser leichtes Atmen und Schlucken. Unser Bewusstsein war dafür geschärft, welchen Raum wir einnahmen und wie wir im Verhältnis zu den anderen Personen im Raum standen.

Der anfängliche Drang, den Aufbau verstehen zu wollen, verflüchtigte sich langsam, während wir unserem Verstand erlaubten, zur Ruhe zu kommen. Da Ablenkungen von der Außenwelt auf ein Minimum reduziert wurden, war die Installation eine Einladung, sich völlig auf die eigenen Sinne zu konzentrieren. Einige Besucher legten sich hin. Es war sehr friedlich.

Eine Wohltat für Körper und Geist

Stillzuhalten und ruhig zu sein, gibt einem die Möglichkeit, wieder zu sich selbst, zu anderen und zu seinem Platz in der Welt zu finden. Ein zunehmend seltenes Erlebnis in der heutigen Welt und doch wesentlich für unser Wohlbefinden. „Die Welt wird lauter und geschäftiger, daher ist es wichtig, ruhigere Orte zu schaffen“, so Jörg Hutmacher, CEO von pinta acoustic, dem Unternehmen, das die Basotect-Pyramiden für die Installation zugeschnitten hat. „Der Mensch vollbringt mehr in einer Umgebung, in der er sich visuell und akustisch wohlfühlt.“

Nach gefühlt sehr kurzer Zeit sagte der Wärter, die 30 Minuten seien vorbei. Wir standen auf und gingen, etwas unsicher auf den Beinen, zurück durch die Schallsperren und ins Museum. Es dauerte eine Weile, bevor jemand etwas sagte. Vielleicht wollten wir den Bann nicht brechen. Als wir die unterste der spiralförmig angelegten Ebenen des Guggenheims erreicht hatten, war das Gleichgewicht wiederhergestellt.

New York City im Juli ist ein unglaubliches Fest aller Sinne. Es war herrlich heiß und feucht, voll, laut, geruchsintensiv und sehr farbenfroh. Mit ein klein wenig Ruhe im Geist schlossen wir uns wieder der Außenwelt an.

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