Thema

Die falsche Angst

Warum es Menschen so schwerfällt, Risiken richtig einzuschätzen.

Risiko: Viele Gefahren umgeben uns. Ob Terror, Flugzeugabsturz oder verunreinigte Lebensmittel – die Angst davor hat uns fest im Griff. Aber sollten wir uns nicht eher vor ganz anderen Dingen fürchten?

Am 11. September 2001 kamen in den USA 256 Passagiere in den Flugzeugen ums Leben, mit denen die Terrorattacken durchgeführt wurden. Im folgenden Jahr aber war ein erschreckender Folgeeffekt zu verzeichnen: 2002 zeigte die Statistik einen drastischen Anstieg der Verkehrstoten um 1.600 Personen – etwa 4 Prozent mehr. „Aus Angst mieden viele Menschen Flugzeuge und nahmen lieber den eigenen Wagen. Der stärkere Verkehr führte dann zu mehr Verkehrsunfällen. Und somit zu mehr Toten“, erläutert Professor Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Berlin. Geschockt durch die Attentate empfanden die Menschen jetzt Flugreisen als sehr gefährlich. „Paradoxerweise haben wir kaum Angst davor, bei einem Unfall zu sterben, sondern eher davor, zusammen mit vielen anderen umzukommen – wie im Flugzeug oder bei einem terroristischen Anschlag“, sagt Gigerenzer. Dabei wird verdrängt, dass wir den gefährlichsten Teil der Reise – statistisch gesehen – schon hinter uns haben, wenn wir unseren Wagen im Parkhaus am Flughafen abstellen.

Die gefühlte Angst weicht deutlich von der Realität ab, die sich mit Zahlen nachweisen lässt.“

Professor Gerd Gigerenzer

Direktor Harding-Zentrum für Risikokompetenz, Berlin

Ihr Gefühl sagt den Menschen, dass sie am Lenkrad des eigenen Pkw mehr Kontrolle haben als im vom Piloten gesteuerten Flugzeug. „Und ein kontrollierbares Risiko wirkt nicht so gefährlich wie ein unkontrollierbares Risiko“, ergänzt Paul Slovic, Psychologie-Professor an der University of Oregon/USA und einer der führenden Experten für Risikowahrnehmung. Dabei gab es in den ersten Jahren nach den Anschlägen keinen einzigen tödlichen Unfall bei kommerziellen Flügen in den USA.

Von März bis Juli ist das Risiko für Tornados in den USA besonders hoch. Dieser Tornado wütete im Mai 2010 in Campo/Colorado.

Realitätssinn sieht anders aus

Ob Epidemien, Terroranschläge oder Flugzeugabstürze – der moderne Mensch schätzt Risiken oft höher ein, als sie sind. Er ist in einer emotionalen Schieflage: „Den Menschen fällt es schwer, Risiken richtig einzuordnen. Ihre gefühlte Angst weicht deutlich von der Realität ab, die sich mit Zahlen und Statistiken nachweisen lässt“, sagt Gigerenzer.

Ein kontrollierbares Risiko wirkt nicht so gefährlich wie ein unkontrollierbares.“

Professor Paul Slovic

University of Oregon/USA

Der moderne Mensch hat Angst vor Gefahren, die es für ihn gar nicht gibt oder die sehr unwahrscheinlich sind. Denn Gefahren sind das eine, das andere ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich eintreten. Ein Löwe ist erst mal gefährlich – doch wenn er in einem Zoo lebt, ist die Gefahr für den Menschen relativ gering. „Wir leben risikoärmer denn je, und Gefahren erscheinen uns oft bedrohlicher, als sie tatsächlich sind“, beobachtet Professor Ortwin Renn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), Potsdam, der sich ausgiebig mit dem Thema Risikowahrnehmung beschäftigt hat. Paradoxerweise wird diese Angst noch dadurch verstärkt, dass es uns so gut geht und eigentlich alles in Ordnung ist. „Denn das bedeutet natürlich auch, dass wir viel zu verlieren haben“, erklärt Renn. In saturierten Gesellschaften wie den westlichen Industrienationen hätten die Menschen dementsprechend mehr Angst als in weniger entwickelten Gesellschaften, in denen sich die Individuen persönliche Fortschritte versprechen, wenn sie Risiken eingehen.

Vorsicht geboten

Drei Faustregeln, mit denen Sie schnell erkennen, wie real eine Gefahr ist – oder eben nicht.

1. Immer skeptisch sein.
Auf die Quelle achten. Ein bekanntes Institut ist besser als eine obskure Quelle aus dem Internet.

2. Datenlage analysieren.
Schauen Sie, ob relative oder absolute Zahlen genannt werden. Mit Prozentzahlen lassen sich viele Dinge dramatischer darstellen, als sie in Wirklichkeit sind. Und vergessen Sie nicht: Mit Statistiken lässt sich alles beweisen – und oft auch das Gegenteil. Passen Sie bei der Interpretation von Zahlen genau auf.

3. Ängste nicht automatisch übernehmen.
Lassen Sie sich nicht von reißerischen Überschriften in den Medien oder Social Media zu schnellen Entschlüssen verleiten – informieren Sie sich genau.

Irrationalität ist international

Gründe für die falschen Einschätzungen gibt es viele. Gefühle beeinflussen, wie wir Risiken sehen – nicht der Verstand. So werden Wahrscheinlichkeiten anders eingeschätzt, als sie statistisch eintreten. „Die meisten Risikoanalysen im täglichen Leben laufen schnell und automatisch ab. Sie sind von Gefühlen geleitet, die sich aus erfahrungsbasiertem Denken ergeben“, sagt Slovic. Dass wir immer wieder auch unwahrscheinliche Dinge erleben und Medien uns davon berichten, bestärkt uns in dem Glauben, dass das Unwahrscheinliche vielleicht doch nicht so unwahrscheinlich ist. Ein Denkfehler. Das, vor dem wir uns fürchten, ist höchst- wahrscheinlich gerade nicht das, was wir erleben werden.

Auch soziale und kulturelle Faktoren spielen eine wichtige Rolle dabei, was uns ängstigt. Dennoch ist Irrationalität international. Universell gilt: Seltene und spektakuläre Risiken wie etwa Tornados, Flugzeugabstürze oder Terroranschläge werden über- schätzt, wahrscheinlichere Todesursachen dagegen gehen unter. Risikoexperte Slovic hat noch weitere Faktoren ausgemacht: Wer ein Risiko freiwillig auf sich nimmt, schätzt es geringer ein als ein aufgezwungenes. Auf die größten Gefahren wird dann mit Gleichmut reagiert. Dazu zählen etwa Bluthochdruck, Übergewicht, Alkoholkonsum und Rauchen. Und fettreiche Ernährung wird zu Unrecht für risikoloser gehalten als gentechnisch veränderte Lebensmittel.

Lebensgefahr in Relation

Ein Mikromort bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, zu sterben. Diese Maßeinheit für Risiko wird auf Professor Ronald A. Howard, Stanford University/USA, zurückgeführt.

1 Mikromort

540 km Autofahren

1 Mikromort

11 km Motorradfahren

3 Mikromorts

1 Klettertour in den Bergen

7 Mikromorts

1 Marathonlauf

10 Mikromorts

1 Narkose in einer Nicht-Notoperation

Ausgewählte Risiken in Großbritannien, Marathonlauf: USA. Quelle: „The Norm Chronicles“, Michael Blastland and David Spiegelhalter, 2013

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540 km Autofahren

1 Mikromort

11 km Motorradfahren

3 Mikromorts

1 Klettertour in den Bergen

7 Mikromorts

1 Marathonlauf

10 Mikromorts

1 Narkose in einer Nicht-Notoperation

„Was Menschen kennen oder zu kennen glauben, macht ihnen häufig keine Angst“, ergänzt Renn. In diese Kerbe schlägt auch, dass die Risiken neuer Technologien vielen mehr Angst machen als die Risiken bekannter Techniken. Doch die Angst vor Unbekanntem oder Technikfeindlichkeit sind keine guten Ratgeber. Denn verantwortlich gehandhabtes Risiko heißt: Neuerungen, Fortschritt und damit Verbesserung der Lebensverhältnisse. Auf diese Auswirkungen zu verzichten bedeutet ein hohes Risiko für eine Gesellschaft. Vorbehalte gegen Unbekanntes zu hegen, ist so mit hohen indirekten Kosten verbunden.

Dabei hat es sogar auch mit moderner Technik zu tun, dass wir Gefahren falsch einschätzen. Heutige Analysemethoden erkennen die kleinsten Verunreinigungen. Wissenschaftler finden mittlerweile im wahrsten Sinne des Wortes die Nadel im Heuhaufen – ein Molekül unter einer Quadrillion anderer. Um es anschaulich zu machen: Es lässt sich mittlerweile ein einzelnes Roggenkorn in einem 20.000 Kilometer langen Güterzug voller Weizenkörner nachweisen. Und natürlich ebenso jede noch so kleine Giftspur – auch wenn sie für den Organismus oft folgenlos ist. Denn die Dosis macht das Gift oder eben das Medikament. So ist Botulinumtoxin, besser bekannt als Botox, der giftigste Stoff, den die Natur produziert. Ein Esslöffel würde ausreichen, um ganz Europa zu vergiften, rechnet die Deutsche Gesellschaft für Neurologie als Gedankenspiel vor. Und doch lassen sich viele Menschen das Nervengift freiwillig unter die Haut spritzen oder nutzen es medizinisch bei Verkrampfungen, Spasmen oder übermäßigem Schwitzen. Denn extrem verdünnt – ein kleines Fläschchen enthält nur ein milliardstel Gramm des Gifts – und fachgerecht angewendet, ist der Nutzen vielfach höher als mögliche Risiken beziehungsweise Nebenwirkungen.

Kultur der Angst

Risikoeinschätzung: Es hängt auch von Kultur und Gesellschaft ab, welche Risiken Menschen fürchten, sagt die japanische Risikoforscherin und Gründungsdirektorin von Litera Japan Co, Mariko Nishizawa.

Mariko Nishizawa, PhD

Mariko Nishizawa, PhD

Risikoforscherin und Gründungsdirektorin, Japan

Risikowahrnehmung ist immer auch vom Kontext abhängig. Hören Menschen in den Nachrichten ständig etwas über die Ausbreitung von Viren, dann glauben sie eher, dass auch sie sich anstecken können. Sind sie dagegen bestimmte Risiken gewöhnt, werden diese als nicht so gefährlich eingestuft. So leben Japaner seit Generationen mit Erdbeben. Deshalb gehen sie mit dem Erdbeben-Risiko viel entspannter um als beispielsweise Deutsche, die das Phänomen Erdbeben kaum aus eigenem Erleben kennen.

Lebensmittelqualität
Japaner dagegen sind sehr empfindlich, was die Qualität ihrer Lebensmittel angeht. Sie mögen keine künstlichen Zusatzstoffe oder -farben in ihrem Essen. Amerikaner jedoch tolerieren künstliche Zusätze, die Lebensmittel haltbarer machen. Auch Hormonbehandlungen für Tiere sind in Japan tabu, ebenso in vielen europäischen Staaten. In den USA dagegen bekommen die Tiere sie regelmäßig verabreicht. Man sieht also, was Menschen als riskant ablehnen, variiert kulturell.

Neue Technologien
Das wird auch bei technologischen Neuerungen offensichtlich. In Deutschland werden Risiken frühzeitig ausgelotet. Man ist sich bewusst, eine zu 100 Prozent risikofreie Technologie gibt es nicht – und ist daher oft zögerlich und zurückhaltend, wenn es darum geht, neue und unbekannte Wege einzuschlagen. Da mag ein bisschen die „German Angst“ durchschimmern. Die Amerikaner dagegen stehen technologischem Fortschritt sehr offen gegenüber. Und auch in Japan wird High-End-Technik überwiegend geschätzt und schon massiv eingesetzt – von Hochgeschwindigkeitszügen, die pünktlich losfahren, bis hin zum Roboter an der Hotelrezeption.

Informationsflut verändert Risikowahrnehmung

Top 5: Giftigste Stoffe

Gifte

Vier der fünf giftigsten Stoffe stammen aus der Natur, einer aus der Industrie.

Angegeben ist der LD50-Wert

Dies bedeutet: Erhalten Versuchstiere wie Ratten oder Mäuse pro Kilogramm Körpergewicht die unten angegebene Menge des Stoffes, sterben 50 Prozent von ihnen.

  • Botulinumtoxin A (Natur)
    Quelle: Bakterium Clostridium botulinum 0.00000003 mg
  • Tetanustoxin A (Natur)
    Quelle: Bakterium Clostridium tetani 0.000005 mg
  • Diphtherietoxin (Natur)
    Quelle: Bakterium Corynebacterium diphtheriae 0.0003 mg
  • Dioxin (synthetisch)
    Quelle: Nebenprodukte bei Verbrennungen in der Industrie 0.03 mg
  • Muscarin (Natur)
    Quelle: verschiedene Pilzarten 0.2 mg

Quelle: „The Extraordinary Chemistry of Ordininary Things“, Carl H. Snyder, 2003

Neben einer höheren Analysegenauigkeit verändert auch die Informationsschwemme medienvermittelter Gefahren die Wahrnehmung. Jederzeit stürmen Nachrichten von jedem Punkt der Welt auf uns ein. Diese betreffen den einzelnen Menschen oft nur selten, beeinflussen unsere Risikoeinschätzung dennoch enorm. Insbesondere was Chemikalienfunde in Lebensmitteln angeht, scheint eine Schockwelle die nächste zu jagen. Auch wenn eine kritische Berichterstattung grundsätzlich wichtig ist, erweisen sich viele vermeintliche Lebensmittelskandale mit Augenmaß betrachtet tatsächlich jedoch oft weit jenseits der kritischen Größe, bei der eine Gefahr besteht. Einer der größten Risikofaktoren beim Thema Lebensmittel liegt dagegen wenig öffentlichkeitswirksam im Hygieneverhalten der Verbraucher, worauf das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung immer wieder hinweist.

Wir müssen lernen, wie wir Risiken verarbeiten, um künftig angemessener mit ihnen umzugehen.“

Professor Ortwin Renn

Wissenschaftlicher Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Potsdam

Deutschlandweit ist das Bakterium Campylobacter mittlerweile mit mehr als 70.000 dokumentierten Erkrankungsfällen pro Jahr der häufigste Erreger von Darminfektionen – die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Doch kaum jemand kennt ihn und auch medial erscheint das krankmachende Bakterium bisher selten. Dabei ist Campylobacter auf fast jedem Hühnchen zu finden und besiedelt damit auch die Fleischstücke, die gebraten oder gegrillt werden. Oft reicht es für eine Infektion schon, wenn ein roher Hühnchenschenkel auf den Grill gelegt wird und dieselbe Hand die fertige Bratwurst berührt.

Risiko als Politikum

Je verunsicherter die Bürger, umso schwieriger wird es für die Politik, einen rationalen Kurs zu halten. Das wird bei Aufregerthemen wie Lebensmittelsicherheit, Kernkraft oder grüner Gentechnologie immer wieder deutlich. Risikomündigkeit ist ein gutes Rüstzeug gegen eine solche Verunsicherung: „Erst wenn wir lernen, wie wir selber Risiken verarbeiten und aus den Informationen über Risiken die entsprechenden realistischen Rückschlüsse ziehen, haben wir die Mittel dafür, in Zukunft Risiken besser einzuschätzen und angemessener mit ihnen umzugehen“, sagt Renn. Es führt eigentlich kein Weg daran vorbei, betont der Risikoforscher: „Das Risiko gehört zu unserem Leben dazu.“

Tricksen mit Zahlen

Manipuliert: Der Umgang mit Zahlen bietet viele Möglichkeiten, sie zu verzerren. Gerade auch die grafische Darstellung entscheidet mit, welche Schlüsse wir ziehen. Drei Beispiele, wie Infografiker und Statistiker ihre Aussagen frisieren.

Optische Täuschungen

Torte mit Schlagseite: 3D-Diagramme wirken moderner. Aber die Perspektive führt dazu, dass das Größenverhältnis verzerrt wird. Der Anteil der Ausgaben (rot) ist in beiden Grafiken derselbe: 60 Prozent.

Auf und ab

Charts: Häufig wird bei Kursverläufen die Y-Achse abgeschnitten – die Größe der Schwankungen ist so kaum noch nachvollziehbar. Und je nachdem, wie der Startzeitpunkt auf der X-Achse gewählt wird, lässt sich der Trend nach unten oder nach oben manipulieren.

Absolut gewachsen, relativ geschrumpft

Absolut versus relativ: Die absoluten Zahlen steigen, doch der prozentuale Gewinn nimmt von Jahr zu Jahr ab. Absolutes oder relatives Wachstum – der Erfolgskurs eines Unternehmens stellt sich so sehr unterschiedlich dar.

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